Zirkus

Wie, die anderen sind schon da? Ahnungsvoll fixiert er dich. Du lässt die Einkaufstasche sinken, auf dem Stuhl kommt sie zum stehen, deine kleinen Finger kneten die Stoffhenkel, deine kleinen Augen, dein Blick, schweben an ihm vorbei, vorbei an der Küchenzeile der Wohngemeinschaft zu deinen Händen. Es ist dieser Blick, den er an dir hasst, der sagt: Entschuldigung, ich dachte, ich tu dir einen Gefallen, bitte spiel jetzt mit.

Es zu spezifizieren, das gelingt ihm nicht, aber dass etwas kommen würde, das fällt ihm sofort auf, hier in der WG-Küche vor dir, das hätte er wissen können, wissen müssen, warum hat er sich eigentlich keinen Notfallplan zurechtgelegt?

Sie bereiten alles vor, ist das nicht toll? Ich habe Quark gekauft, hier, sieh mal, den magst du doch so gern, du preist ihm den Quark an, Preis gesenkt, steht auf dem kleinen Klebeetikett und Magerstufe, gesenkter Fettgehalt, man sieht: ihm sinkt das Herz in die Hose. Dann ziehst du Luftschlangen aus dem Beutel: fünf Farben trägt das Papier und ist in dünnes Plastik eingewickelt. Treffer. Versenkt.

Er windet sich, als wollte er etwas fragen, doch dies ist der Moment des Handelns, das weiß er, vielleicht bleiben ihm nur wenige Stunden, um seine Lesung zu retten. Deshalb nimmt er sein Büchlein, im Moment der Verzweiflung klammert er sich daran, als er aus der Küche stürmt.

Im Bus, als Obdachloser Punk oder wenigstens Bunter Hund. Weil es draußen dunkel ist, gewitterbewölkt, sieht er sein Gesicht in der dreckigen Scheibe, Haarfilz und Tränensäcke. Gestern war vor Aufregung an Schlaf nicht zu denken gewesen. Seinen Parka neben ihm auf dem Sitz, streicht er immer wieder über das Cover, trotz deiner hilfe, auch wenn er den Titel nicht so ganz versteht, den der Verlag ausgesucht hat, den Zusammenhang zu seinem Text nicht versteht: Sein Büchlein, sein Roman, es ist doch alles was er hat. Vielleicht geht es ja doch aufwärts denkt er jedesmal, wenn er das klebrige Plastik betastet, das den Schutzumschlag seines Schatzes verschandelt.

Du und die anderen, ihr fühlt euch nicht beachtet. Meine Wünsche, denkt ihr, ertrinken in schwarzem Kaffee, lösen sich in warme Pisse auf. Immer stellt sich jemand anders über mich. Deshalb kann ich es ja verstehen, denkt er, wenn ihr heute versucht habt, was auf die Beine zu stellen, ohne mich. Er macht sich Hoffnungen: bestimmt ist es nichts Großes und ihr habt nur deshalb vergessen, ihm Bescheid zu geben. Er nimmt sich vor, in Zukunft mehr auf euch einzugehen.

Doch dann spuckt ihn der Bus im Vorviertel zum Industriegebiet aus und während er den Beton der Wahrheit abläuft, verlieren sich alle guten Vorsätze, sieht er größer und größer die Verwandlung, deren Ausmaß er nicht erahnt hatte. Da, wo das peanuts hätte stehen sollen, wo es genaugenommen gestern noch stand, als er mit Karsten absprach, dass ihr eine Stunde vor Beginn der Lesung da sein würdet, erhebt sich in geschwungenen Streifen, Gestänge, Planen, Spitzen: ein Zirkuszelt. Links das verfallene Bahnhofshäuschen, rechts der alte Bunker, in der Mitte kein peanuts, sondern ein Zelt. Was soll das, schreit er die anderen an, die in bunten Kostümen davor herumlaufen. Doch sie brüllen nur zurück. Sensationell, rufen sie, kommen Sie und staunen, Autoren ohne Unterleib, zweiköpfige Künstler, meine Damen und Herren, so etwas haben Sie noch nie gesehen. Dabei schmeißen sie Flugblätter in die Luft, verteilen eure Fotos im Dreck der Hafenstraße. Das darf doch nicht wahr sein, betet er den Himmel etwas drängend an, doch genau, rufen die anderen, denn hier spielt das Unmögliche zu Ihrem Vergnügen auf, also zieren Sie sich nicht so, und er wird ins Zelt geschubst.

Das Innere ist beinahe und doch überhaupt nicht das peanuts, wie er es kennt. Karsten hinter dem Tresen bei seiner freundlichen Kaffeemaschine. Die Raumaufteilung hat sich geändert und durch einen hohen Pfahl, von dem die Plane nach hinten abgespannt wird, bildet sich eine Nische, jemand hat Europaletten aufgeschichtet und eine kleine Bühne gebildet. Das sonst so ruhige Café ist übervoll von euch. Ihr scheint mehrere Doppelmänner zu haben: er zählt siebenunddreißig von euch, allein im Zeltinneren, und ihr seid euch nicht einig. Auch er selbst ist mehrfach vorhanden, ein paarmal begegnet er seinen Blicken, doch erkennt sich nicht, alle schreien die ganze Zeit von wahrsagenden Schlafwandlern und tanzenden Bären, überhaupt ist es viel zu laut, er hört sich selbst nicht mehr. Er sucht nach neuen Gesichtern, irgendjemand, Ihr vergrault unsere Gäste!, brüllt er. Niemand beachtet ihn. Es riecht nach Räucherstäbchen und das Licht ist kein Stück heller als sonst. Fahl und düster steht es wie dicker Rauch über den zierlichen Tischchen und der Menschenmenge.

Da kämpft er los, mit den Ellenbogen, mit den Füßen, mit Gebrüll, Richtung Tresen, zwischen Tischchen und bekannten Figuren und erst als er es fast geschafft hat, erkennt er seine Dummheit, natürlich ist das nicht Karsten am Tresen, es ist ein anderer, das andere Gesicht grinst ihn an, als er, verzweifelt, an beiden Oberarmen schmerzhaft gepackt und zur Bühne geschleift wird. Jeder Widerstand ist vergeblich, du bist dabei, hast du gesagt, sagen die anderen zu ihm. Ihm fällt nicht ein, wann der Moment gewesen wäre, seine Entscheidung zu widerrufen.

Und er, er kämpft gegen den Lärm an, dass es noch zu früh sei für die Lesung, eine Lesung hätten sie doch geplant, dafür sei es zu früh! Und wie ein Kind, das den anderen das Gewinnen verbieten will, versucht er an seine Uhr zu kommen, als ob das irgendetwas ändern würde, aber die Uhr und das Buch, all die guten Ideen und die Argumente, die er nie gebraucht hat, sie sind weg. Erst als er das feststellt, erst da wird ihm klar, dass er sich die ganze Zeit gewünscht hat, er wäre Opfer eines Albtraumes. Es war aber auch zu leicht so.